fräulein fink findet


wurstfingrige ästhetik
August 7, 2008, 8:54 pm
Filed under: Bezichtigungen, gesehen, kurios

ich kann nicht anders. ich bin im sexblog der ZEIT (klingt paradox, ich weiß) hängen geblieben. da wird akribisch internettrash mit bezug auf leibesübungen gesammelt, dem ich einfach nicht widerstehen kann. so diese schlachter-anmaßung. welche kaufkraft gibt der wurstfingrigen ästhetik der fleischerei pahl recht, bitte? dieses bemerkenswerte gewerbe ist von einer lust an der absurdität gekennzeichnet, die dem handwerk sonst gemeinhin abgeht. die lust, aus leckereien aus totem schwein das ‘lustige’ zitat einer lebendsau inklusive kindchenschema zu zaubern, ist mir immer ein rätsel gewesen, gleichermaßen das masochistisch auf seinen sich einzuverleibenden schmerbauch deutende getier am straßenrand unweit seiner schlachtkammern. sie sind inventar einer welt, die mich staunen macht.

die folgende version einer stilisierten dame zum aufschneiden ist schlicht pathologisch und aus verständlichen gründen nicht mehr auf der fleischerei-homepage vertreten, aber von der aufmerksamen lady gelistet. kommt so was gut an auf rustikalen junggesellenabschiedsveranstaltungen? bitte nicht! bitte auch dort nicht!



Unless it sells.
April 29, 2008, 12:18 pm
Filed under: Bezichtigungen, gelesen, gesehen

befindet eine Stuttgarter Marketingagentur mit erheblichem Mangel an humoristischer Relativierung, die nötig wäre, um derartige Befunde in irgendeiner erträglichen Weise einzubetten. Swabian Psycho mit ‘Firmenphilosophie’ – und ich rufe alle Texterinnen und in irgendeiner Weise Aktiven auf, schön gegen den Strich weiterzuarbeiten, solange das Kleingeld für diesen Luxus ausreicht, in einer Kombination aus Freude und Ignoranz gegenüber solcher versuchter Annexionen geistigen Outputs. Da passt, was Sloterdijk in einem einige Jahre alten Interview zur taz sagte: Dass es “Zornbankhäuser” braucht, bei denen man seine Wut deponieren kann, um sie nicht ungenutzt ins Leere, in den Masochismus oder die Depression laufen zu lassen. Er nennt da die linken Parteien als Ansprechpartner, aber eher als diese sehe ich die schönen Spielereien, die unter dem Label Culture Jamming firmieren. Unless it sells? Until it hurts. Das tut es schon.

Fußnote: Lesenwert zum ideologischen Trimm-Dich in für den Tummelplatz Universität konzipierten Gratis-Magazinen auch dieser Text.



Bezichtigung XI – Zur ‘Sorge um das tägliche Brot’
April 17, 2008, 1:34 pm
Filed under: Bezichtigungen, gelesen

(Fundsache bei den wunderbaren Sammlerwesen von picturesofwalls.com)

Die Diskussion um den Hunger in der Welt, die perfiderweise erst dann mit am den Frühstückstisch sitzt, wenn der ausgehende Biotreibstoff auf ihn aufmerksam macht, motiviert derzeit die Schreiberinnen und Schreiber der Tageszeitungen. Daran ist nichts verwerflich, klar, schließlich gehe jede/r mal ihrem/seinem Talent nach. Auch die Vorliebe für Randnotizen kann nur gutgeheißen werden, verspricht sie doch oft erheiternd Abseitiges am Morgen. Dennoch – sich in der folgenden Art ein Thema zu hängen, wie dies gestern in der WELT von Statten ging, sich den Hunger auch noch einzuverleiben, das ist trotz der schönen Recherche so unangemessen, dass es einem schlecht wird.

Hänsel und Gretel sind unter dem Titel „Die Sorge um das tägliche Brot“ die dürren Ikonen, die den Leser, alte Regel aus Journalistik I, ‚abholen’ und ins harsche Land des europäischen, vor allem des deutschen Hungers führen. Auch das ist erst einmal nicht von Übel, zweifelsohne wurde auf diesem Kontinent gelitten; und gestorben wurde hier wie die Fliegen, mit leeren Bäuchen, dahingerafft von den Folgen von Wirtschaft, Krieg, und, ja, auch Naturgewalten. Die, alle drei, keine Rücksicht auf ehemals ideenvolle Köpfe und Lebensentwürfe nahmen und, das wissen wir ja alles, nehmen. Dies steht außer Frage, und können auch verschwisterte Fastnochjugendliche Geschichten der Vorvorderen, die mit vorwurfsvollen „Wir hatten ja nichts“ beginnen oder auch rhetorisch geschickt enden, geäußert meist zum Auftakt von Festessen oder Völlereien ähnlicher Güte, nur schwer ertragen – so, wahrscheinlicher aber so ähnlich, haben sich doch Realitäten gestaltet. Bis zu diesem Punkt ist alles legitim, und der Einfluss solcher gesellschaftlicher Erfahrungen auf die Kulturgeschichte ist unbestritten der Rede wert.

Bemerkenswert ist allerdings die Motivation von Artikeln wie dem genannten. Der Autor legt sich ins Zeug, akribisch Zitate – mit einem ordentlichen Nachschlag auctoritas-Gehalt– zu einem beachtlichen Haufen Hunger, versehen mit dem Gütesiegel „Unser“, aufzutürmen. Aus den Zeilen spricht ein fast schon streberhafter „Wir aber auch!“ – Gedanke, der unangemessen ist angesichts der Ereignisse, auf die er da Bezug nimmt. Hätten der Text und sein Autor ein Interesse daran, auf die Allgegenwart des Elends in diesem here and now hinzuweisen, dann hätte er den Sprung von den Märchen- zu den Hungerkindern dieser Tage geschafft. Dass es Hunger auch in Deutschland gab, ist ein banaler Trick, sich nachholend auf die ‚richtige’ Seite zu schlagen. Darauf hinzuweisen, dass „Hunger und Leid auch härter (machen)“, ist ein wirklich unnötiger Versuch aus der Reihe ‚Lob des Elends’, aus dem eine ’poor but happy’-Haltung spricht, die nichts ist als affirmativ und traurig.

Vorgestern sagte ein auf seiner Bühne hausender Straßenmusiker anlässlich einer schönen Veranstaltung, dass sich sein Beruf immer noch soweit rechne, dass er sich ein Kilo Bananen kaufen könne, und vielleicht noch ein Stück des bis zum Erbrechen zitierten Brotes. Das ist nicht viel, aber es läuft auch, das ist keine neue Erkenntnis, mit noch viel weniger. So viel zum literarischen Motiv des Hungers. Es geht auch prosaischer.

Hilft das jetzt jemandem? Erst mal nicht. Aber: Der Hang zur Fußnote, wie auch dieser, ist eine so nötige und anregende Leidenschaft. In einigen Zeilen des zitierten Artikels kommt zum Ausdruck, welche Ansätze für eben solche der Mediendiskurs und die Empirie an der Tankstelle liefert: „Der Brotpreis war damals und bis in die Moderne hinein maßgeblich für die Zufriedenheit des Volkes. Heute scheint er bei uns vom Benzinpreis abgelöst worden zu sein“, schreibt der Autor. Was darin steckt, verrät so viel und macht so viele neue Randnotizen nötig. Die sowohl lesenswert als auch anregend wären. Das Sich-Habhaftmachen von zentralen Anliegen in plumper Absicht ist es keins von beiden. Im Gegenteil. Sich das Motiv des knurrenden deutschen Magens als ‚invented tradition’ auf die Graubrotschnitte zu schmieren ist auch eine Version davon, dem Hunger in der Welt, vor allem aber seinen Existenzbedingungen, aus dem Weg zu gehen.



formen des zusammenseins, teil 14 – der elternabend

 

Eine weitere versuchte Form des Zusammenseins: Mit einigen anderen weitaus älteren Mitgeschöpfen sitze ich im Auftrag einer verhinderten Herzensdame auf Stühlen, die die Strümpfe in den Kniekehlen zerreißen und davon abgesehen ohnehin recht knapp bemessen sind für ihre gegenwärtige Besetzung. Draußen dunkelt’s, zwanzig Frauen und sechs Männer arrangieren sich mit der durch die Normmaße von Fünftklässlern bedingten zeitweiligen Degradierung. An Mobiltelefonen nestelnde oder über den Schnauzer atmende Herren, ein junges Paar mit erfolgreich abgeschlossenem Zeugungsakt als Siegel ihrer Zuneigung, das der Runde forsch das DU anbietet (Wispern, das scheint nicht Usus zu sein), ein älteres Gespann, Routine im Umgang mit dem Hier und Jetzt, Mütter, die ganz unterschiedliche Habitus mit langem ‚u’ aus den Handtäschchen kramen …

(letztens las ich bei einer, die’s wirklich gut kann, über Mädchen, die ihre slightly nackig-Bildchen im studentischen Online-Netzwerk hochladen, als „StudiVoZen“, das fand ich ordinär, aber immerhin war es ein Wortspiel. Analog könnte man eine bemühte, Bourdieu-Texte plärrende Deutsch-Girlie-Punkband namens „The Habitussen“ imaginieren – nun, das lag sehr nahe, Sie konnten sich’s denken, und, recht haben Sie, das ist schon ganz schön platt. Der Name des oben erwähnten Blogs ist mir entfallen, aber dieser Herr weiß da mehr, wie so oft).

…vom butch-style mit zweifarbigem Blockhaupthaar und – so unterstelle ich – den vom Klassenoberhaupt problematisierten Londsdale-Klamotten im Kiefernschränkchen bis zu den sich durch Leinen und Grobstrick modisch Positionierenden, bei denen ich mir eine heimlich gelebte Gier nach dem Konstruieren von öligen Lusterlebnissen an Hand der Massageangebote ganz hinten in einem meiner liebsten Gratismagazine, dem coffeetable-Büchlein der Reformhausszene, Schrot und Korn, ausmale. Die Elternsprecherin macht mich meine Parameter für Schönheit überdenken, hiervon weicht sie ab, aber was sagt das schon.

(Beauty is a simple passion,

but, oh my friends, in the end

you will dance the fire dance in iron shoes.)

Anne Sexton, Snow White and the Seven Dwarfs

Sie stellt ein Engagement zur Schau, das mich Neid und Ablehnung wittern lässt,

(Bring me her heart, she said to the hunter

And I will salt and eat it)

Ebd.

und begehrt Wiederwahl, klar, und ringt um den „Rahmen des Legalen“ in allem, was sie tut. Sagt also „Ich frag mal der Form halber, ob jemand gegen mich ist“, da liegt das Gerangel in der TV-Grundschule der Serie “weeds” als Kichervorlage vor mir (war das mal andersrum? Hallo, Ästhetik, jemand da?) Ein genauer Vater nutzt die Gelegenheit, mal fern vom heimischen Esstisch inklusive Gebetswürfel Oberlehrer spielen zu dürfen und verblüfft durch etwas, das ich unter ‘typisch lehreresk’ abgelegt hatte , das laute Lufteinsaugen durch die Nase, kombiniert mit einem lockeren Rückschritt zur Tafel. Es wird unter seiner Leitung gewählt und sie gewinnt, klar, bedankt sich, keine Blumen, der Vater des Neuankömmlings in der Klassengemeinschaft übernimmt forsch die Rolle ihres Stellvertreters. Geballte Fäuste klopfen auch hier Beifall, die Köpfe werden später, auf dem Raucherhof, wieder zusammenstecken und das Geschehen betuscheln.

Es folgt Klassenfahrts- und Klassenarbeitszeugs, alles ist wieder, wie es war – das transparente Geodreieck, die Recyclingpapierschnipsel, die panarabischen Farben, des Riesenlineals, auch im deutschen Raum beliebt – bloß, ohne ins Detail gehen zu wollen, ohne den Heranwachsendenschweiß, der von den männlichen Jungtieren ausgeht, die ihre Gliedmaßen hier im Mobiliar verstauen, staksig und pas des gentlemen, wie zu schnell gewachsene Fohlen.

Gegenüber wird Basketball gespielt, in der hell ausgeleuchteten Schulturnhalle, und an meiner Nebenbank das eben erst ausgeteilte Schulfaltblatt vom eben noch strebsamen Wahlleiter zum Kampfjet origamiert. Wie geht es hier raus? Zehn Jahre, second to the right, and straight on till morning. Bald ist es dann aber auch vorbei, kein Pausenschlag, der’s ankündigte, und ich kann mich wieder den persuasiven Aushängen der Uganda-AG auf dem Schulflur widmen. Selten so viele Goretex-Ensembles an mir vorbeiziehen gesehen in jüngster Zeit, selten so synästhetisch im Nähkästchen Erinnerung gestöbert und mir selten in letzter Zeit so sicher gewesen, wo ich (nicht) stehe.

(OK, hier war ich mir vielleicht ähnlich sicher)

Einige Paare möchte ich mir als Folie für ein Familienglück mit nach Hause nehmen, ein ruhiges, stetes Glück mit der Freude über das Kind, das sie da in die Welt gesetzt haben, vielleicht ohne großes Nachdenken nach einmal Tanzen gehen Mitte der Neunziger, und ich frage in die Luft (die riecht schon fast nach Schnee) – nee, ich frage das jetzt nicht. Lieber sinniere ich durch den Spätabend trabend, ob es der Erinnerung wert wäre, mir jetzt ein Schulbrot zu schmieren, Käse oder Eszet-Schnitte, es wahllos in einer Vielzahl von Taschen zu verstauen, die mein Hauswesen bevölkern, und mich morgen früh so gegen neun (oder zu Tag und Zeit des Wiedersehens) zu ärgern, was da wieder drauf ist, aber vielleicht tut’s auch ein ordinärer Drink irgendwo, schließlich simmernichtmehrzwölf, Frollein, und (vor und hinter’m) Tresen liegt ohnehin der bessere Schulhof.