SoLaLarium

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erlebt, ehrlich wahr

 

 

Time’s the grey cardboard which I fold. Oder wie war das, Jeremy Cronin? Ach so: Tonight is an envelope in which I climb. Um zu dir zu gelangen, und so weiter. Nun, hier wird nicht geklettert, hier wird gefaltet, dass es eine Freude ist. Ich falte einzweidreivier Stücke Zeit, die zwischen dir und mir liegt, und klemme sie zwischen meine Schenkel, die fünfte liegt nun – gefaltet, klar – vor mir auf dem Tisch, ich packe alle zusammen in einem routinierten Griff und lege sie unter die Maschine, nun wird der Stoß mittels Plastikband zu einem verarbeitbaren Stapel gedrückt und kann eine Station weitergeschoben werden. Ich falte, klebe und verpacke also diesen dehnbaren grauen Raum, nennen wir ihn Zeit. Nach einer Stunde kommt die Langeweile, die gleiche Bewegung wieder und wieder, nach zweien zieht’s im Rücken, nach neun ist das Denken abseits von Klebepunkten und Falznahten eine Anstrengung. Der zunächst unaufdringliche, nur leicht merkliche Geruch nach schmelzendem Plastik, der von der ächzenden Schweißmaschine ausgeht, füllt die Lücken zwischen mir und meinen Mitarbeitern, meist sind es -Innen. Wir arbeiten hier zu acht, in diesem Raum, dessen Fenster meist geschlossen bleiben, der Straffheit des Produkt-Plastiküberzugs wegen. Wir verpacken Verpackungen, quelle ironie. Zwei von uns kleben jeweils zwei Klebepunkte auf die himmelblaue Kartonage, die später im Jahr im Laden zu kaufen sein wird, auffaltbare Pakete für Weihnachtssendungen, bis zu 25 kg Socken, Schokolade und Zimtsterne, an die Lieben, deutschlandweit. Wenn das doch reichte. Ein Schieben mit der Hand lässt sie, la Kartonage, zur nächsten Arbeiterin rutschen; sie drückt ein Papier mit dem Konterfei eines Rennfahrers auf die Klebepunkte, nun ist der papiernerne Himmel verdeckt von ihm und der Anweisung zur Handhabung des von uns verpackten Schnäppchens. Weiter rutscht es, zur nächsten, die die beklebten Pappscheiben auf ein Förderband legt; nun bekommt das Produkt jene jüngst erwähnte straffe Ummantelung, die heiß ist und auf die Dauer penetrant nach süßlichem Müll riecht. Ich wusste nicht, dass diese Arbeitsschritte von Menschen getätigt werden. Eine der angenehmeren Tätigkeiten ist da schon die Qualitätssicherung, hierbei steht man herum und prüft: Ein Loch im Plastik? Eine Ecke im Karton? Liegt das Papier schief? Kippt der Pilot? Eine Armada himmelblauer, halb rennfahreresker Kartonagen zieht im Laufe zweier Schichten an mir vorbei, die ich so gar nicht prüfenden Blicks auf die träge Kurve glotze, die die Blauen vollziehen. Nach einigen Stunden gleichförmiger Tätigkeit verflüchtigt sich die Lust auf Fluchten in Schüttelreime (all hail to the queen of Schüttelreim!) und imaginierte Sabotage-Akte. Es freut, wenn eine fehlerhafte Ware, beispielsweise eine Plastikfalte, dem Rennfahrer ein leicht abweichendes Aussehen gibt, eine Spur Speichel kann da assoziiert werden, oder auch eine Sorgenlinie im bübischen Gesicht. Das ist dann schon schön. Müden Blicks auf das Band kommt mir eine Karikatur in den Sinn, die kürzlich in der Frankfurter Zeitung am Sonntag zu sehen war: Ein Mann, vermutlich Angestellter, schlurft einen Bürgersteig entlang, schaut über die Schulter zurück auf das Aushängeschild eines eben passierten Ladens. „So-La-Larium“ steht da in Anlehnung an. Klar. Wenn ich mich recht erinnere, war die gezeichnete Tür geschlossen, aber wenn ich nun um mich blicke und die Kartonagen rotieren sehe, muss ich gewahr werden, dass das SoLaLarium immer geöffnet hat, ganz sicher an fünf Tagen in der Woche jeweils zwei Schichten, und manchmal leider auch wochenends. Und das wäre doch mal etwas, Gabi, Horst, Andrea, Kollegen vom Band, wenn wir uns das alle mal eingestünden, anstatt sich off shift die Epidermis zu tönen: So toll ist das hier nicht, eher so lala, mit diesem ganzen Wust: StupideArbeit/ ’Mahlzeit’Rufe/ Achtung,derChefkommt/ SchonwiederelfterSeptember/ dieDrecksVisaReglementsderSchengenStaaten/ younorth/ yousouth/ Prüfungsordnungen/ lesBedingungen…So what? So lala. Die Kartonagen ziehen vorbei, bald ist Pause, dann reden wir fünfzehn Minuten lang über Bulimie, das kommende Volksfest und was sonst so ansteht, Klassenfahrt, Liebhabereien, Kochrezepte und die Treffen einer kulturellen Gruppe, die sich, angeregt durch role models in Frauenzeitschriften und eine grassierende Willensschlaffheit, trifft, um Punkte an Nahrunsmittel zu vergeben und sich gemeinsam zu wiegen; übers Solalarium sprechen wir nicht. Ein Freund schickt mir ab und an eine Zeile hierher, jetzt sagt er now you know what it feels like for a ‚v’ – variabler Kapitalteil, Gabi, Horst, das simmer. Was nun? Weiterfalten, bis die Zeit in die Plastikhülle passt und wir nach Hause gehen, Kopf aufs Kissen, morgen ist auch noch ein Tag, chéri, jetzt mal Ruhe zwecks Reproduktion. Kinda so lala, das alles, aber immer noch falte und falte ich an diesem Umschlag, gummed to reach you.

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kulturalista

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