formen des zusammenseins, teil 14 – der elternabend

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Bezichtigungen / erlebt, ehrlich wahr / formen des zusammenseins / kuriose begebenheiten / unangemessene psychologisierungen unbekannter

 

Eine weitere versuchte Form des Zusammenseins: Mit einigen anderen weitaus älteren Mitgeschöpfen sitze ich im Auftrag einer verhinderten Herzensdame auf Stühlen, die die Strümpfe in den Kniekehlen zerreißen und davon abgesehen ohnehin recht knapp bemessen sind für ihre gegenwärtige Besetzung. Draußen dunkelt’s, zwanzig Frauen und sechs Männer arrangieren sich mit der durch die Normmaße von Fünftklässlern bedingten zeitweiligen Degradierung. An Mobiltelefonen nestelnde oder über den Schnauzer atmende Herren, ein junges Paar mit erfolgreich abgeschlossenem Zeugungsakt als Siegel ihrer Zuneigung, das der Runde forsch das DU anbietet (Wispern, das scheint nicht Usus zu sein), ein älteres Gespann, Routine im Umgang mit dem Hier und Jetzt, Mütter, die ganz unterschiedliche Habitus mit langem ‚u’ aus den Handtäschchen kramen …

(letztens las ich bei einer, die’s wirklich gut kann, über Mädchen, die ihre slightly nackig-Bildchen im studentischen Online-Netzwerk hochladen, als „StudiVoZen“, das fand ich ordinär, aber immerhin war es ein Wortspiel. Analog könnte man eine bemühte, Bourdieu-Texte plärrende Deutsch-Girlie-Punkband namens „The Habitussen“ imaginieren – nun, das lag sehr nahe, Sie konnten sich’s denken, und, recht haben Sie, das ist schon ganz schön platt. Der Name des oben erwähnten Blogs ist mir entfallen, aber dieser Herr weiß da mehr, wie so oft).

…vom butch-style mit zweifarbigem Blockhaupthaar und – so unterstelle ich – den vom Klassenoberhaupt problematisierten Londsdale-Klamotten im Kiefernschränkchen bis zu den sich durch Leinen und Grobstrick modisch Positionierenden, bei denen ich mir eine heimlich gelebte Gier nach dem Konstruieren von öligen Lusterlebnissen an Hand der Massageangebote ganz hinten in einem meiner liebsten Gratismagazine, dem coffeetable-Büchlein der Reformhausszene, Schrot und Korn, ausmale. Die Elternsprecherin macht mich meine Parameter für Schönheit überdenken, hiervon weicht sie ab, aber was sagt das schon.

(Beauty is a simple passion,

but, oh my friends, in the end

you will dance the fire dance in iron shoes.)

Anne Sexton, Snow White and the Seven Dwarfs

Sie stellt ein Engagement zur Schau, das mich Neid und Ablehnung wittern lässt,

(Bring me her heart, she said to the hunter

And I will salt and eat it)

Ebd.

und begehrt Wiederwahl, klar, und ringt um den „Rahmen des Legalen“ in allem, was sie tut. Sagt also „Ich frag mal der Form halber, ob jemand gegen mich ist“, da liegt das Gerangel in der TV-Grundschule der Serie “weeds” als Kichervorlage vor mir (war das mal andersrum? Hallo, Ästhetik, jemand da?) Ein genauer Vater nutzt die Gelegenheit, mal fern vom heimischen Esstisch inklusive Gebetswürfel Oberlehrer spielen zu dürfen und verblüfft durch etwas, das ich unter ‘typisch lehreresk’ abgelegt hatte , das laute Lufteinsaugen durch die Nase, kombiniert mit einem lockeren Rückschritt zur Tafel. Es wird unter seiner Leitung gewählt und sie gewinnt, klar, bedankt sich, keine Blumen, der Vater des Neuankömmlings in der Klassengemeinschaft übernimmt forsch die Rolle ihres Stellvertreters. Geballte Fäuste klopfen auch hier Beifall, die Köpfe werden später, auf dem Raucherhof, wieder zusammenstecken und das Geschehen betuscheln.

Es folgt Klassenfahrts- und Klassenarbeitszeugs, alles ist wieder, wie es war – das transparente Geodreieck, die Recyclingpapierschnipsel, die panarabischen Farben, des Riesenlineals, auch im deutschen Raum beliebt – bloß, ohne ins Detail gehen zu wollen, ohne den Heranwachsendenschweiß, der von den männlichen Jungtieren ausgeht, die ihre Gliedmaßen hier im Mobiliar verstauen, staksig und pas des gentlemen, wie zu schnell gewachsene Fohlen.

Gegenüber wird Basketball gespielt, in der hell ausgeleuchteten Schulturnhalle, und an meiner Nebenbank das eben erst ausgeteilte Schulfaltblatt vom eben noch strebsamen Wahlleiter zum Kampfjet origamiert. Wie geht es hier raus? Zehn Jahre, second to the right, and straight on till morning. Bald ist es dann aber auch vorbei, kein Pausenschlag, der’s ankündigte, und ich kann mich wieder den persuasiven Aushängen der Uganda-AG auf dem Schulflur widmen. Selten so viele Goretex-Ensembles an mir vorbeiziehen gesehen in jüngster Zeit, selten so synästhetisch im Nähkästchen Erinnerung gestöbert und mir selten in letzter Zeit so sicher gewesen, wo ich (nicht) stehe.

(OK, hier war ich mir vielleicht ähnlich sicher)

Einige Paare möchte ich mir als Folie für ein Familienglück mit nach Hause nehmen, ein ruhiges, stetes Glück mit der Freude über das Kind, das sie da in die Welt gesetzt haben, vielleicht ohne großes Nachdenken nach einmal Tanzen gehen Mitte der Neunziger, und ich frage in die Luft (die riecht schon fast nach Schnee) – nee, ich frage das jetzt nicht. Lieber sinniere ich durch den Spätabend trabend, ob es der Erinnerung wert wäre, mir jetzt ein Schulbrot zu schmieren, Käse oder Eszet-Schnitte, es wahllos in einer Vielzahl von Taschen zu verstauen, die mein Hauswesen bevölkern, und mich morgen früh so gegen neun (oder zu Tag und Zeit des Wiedersehens) zu ärgern, was da wieder drauf ist, aber vielleicht tut’s auch ein ordinärer Drink irgendwo, schließlich simmernichtmehrzwölf, Frollein, und (vor und hinter’m) Tresen liegt ohnehin der bessere Schulhof.

The Author

kulturalista

1 Comment

  1. Wie sagen die späten XTC?

    “You may leave school but it never leaves you.”

    Das erinnert mich hieran: Ich hatte neulich wieder mal einen dieser Träume, in denen ich wieder in der Schule war und im Rahmen dessen eine Traumfigur mir wunderbar selbstreferenziell erklärte, was denn diese Träume zu bedeuten haben, in denen man wieder in der Schule ist.

    Es ist der Wunsch, mit dem Wissen von heute wieder zurückgehen und alles anders machen zu können.

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