Listen To Mr Adewale Maja-Pearce

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erlebt, ehrlich wahr / gelesen / lesen / wichtig!

In Plochingen, einem ländlichen Bahnhof auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Tübingen, den ich nicht auf der Landkarte verorten könnte, obwohl ich ihn schon Hunderte von Malen passiert habe, den Kopf in einem Buch, Musik in jenem Kopf, oder einem Gedanken an die letzte Nacht, den kommenden Tag nachgebend. Plochingen also, wie viele nichts sagende Orte dieser Erde mit einem Hundertwasser-Haus bedacht, und oft belausche ich (vorgebend, den Kopf in einem Buch, Musik in jenem Kopf zu haben, oder einem Gedanken an die vorangegangene Nacht, den kommenden Tag nachzugeben), wie Mitreisende sich austauschen: Ach, Plochingen… Da gibt es doch dieses Hundertwasser-Haus. Ja, das gibt es. Hier in Plochingen riecht es nach Lavendel, nach der spätsommerlichen Schwermut, die ich mit ihm verbinde, er kriecht hier wohl aus Mauern aus unbehauenem Stein, der Lavendel in Plochingen, stelle ich mir vor, und schreibe auf mein innerliches Notizblöckchen, dass ich wirklich mal nachschauen müsste, ob Lavendel so überhaupt wachsen kann, zwischen unbehauenen Steinen heraus. In jedem der denkbaren Fälle wuchert er einer späten Blüte entgegen, hier irgendwo, dem Herbst widerstehend, in einem gezähmten Dickicht (oh, castrated world!), in einem Vorgarten womöglich.

Plochingens Lavendel überfällt mich mitten in der gedanklichen Verschwisterung mit der ausgesprochen guten Essaysammlung REMEMBERING KEN-SARO WIWA AND OTHER ESSAYS. Ich hatte den Autor, ADEWALE MAJA-PEARCE (keep this gentleman in mind!), auf der Frankfurter Buchmesse kennen gelernt, wo wir für zwei unterschiedliche, im Grunde nicht allzu unterschiedliche Verlage in der Halle für ähnlich marginalisierte Flecken dieser Erde wie Nigeria und Kamerun beschäftigt waren; er für seinen eigenen, „New Gong Publishers“ aus Lagos, ich für „Exchange&Dialogue“ aus Douala. Ich hatte ihn nicht als Autor kennen gelernt, sondern als Nachbarn, und zuallererst als Gatten seiner einnehmenden Frau, der Künstlerin Juliet Ezenwa. Bei einem Glas an unserem letzten gemeinsamen Abend sprachen wir über die amouröse Leistungsfähigkeit junger Männer hier und dort, die Grenzen dieser und lachten über die kulturell omnipräsente Figur der dominanten Mutter, Affären und die gegenwärtigen Parameter der „measure of pain and pleasure“, wie es in einem Lied der Green Pajamas so nett über Bekanntschaften heißt. Ich wusste damals noch nichts von den Aufsätzen über Nigeria, Rwanda, Togo und Zambia, aus deren dichter Beschreibung und kluger Analyse mich der Lavendelduft Plochingens abrupt reißt: Afrikas Gegenwarten aus der Perspektive des nigerianischen Autors, Verlegers, Journalisten. Bestechend scharf, fordernd, genau, voller Sarkasmus. Insbesondere der über den Rückstrom der Flüchtlinge ins Rwanda nach dem Genozid, „Africa’s Long March“ – wie treffsicher (seine Kredibilität hat er mir bewiesen) der Autor die Szenerie erfasst, plastisch macht und analysiert, ist beeindruckend. Zwei Mal taucht die folgende Szene in der Sammlung auf: Eine Fotografin, „young, blonde and pretty“, arrangiert sich ein Bild, ein Bild, das hinlänglich bekannt ist: Das Afrikanische Kind, eher schmal, großer Kopf und dürre Ärmchen, von oben im Bild festgehalten, riesige Augen, feucht, dringen in die Kamera. Man imaginiert Mücken. Nun, die junge Frau arrangiert,

„smiled apologetically at the adults around her in tacit acknowledment of the brutal arithmetic that she was busy exploitin, and gently tilted the child’s headjust a fraction more upwards so that his big black liquid eyes were more obviously directed towards the heavens, and then she resumed her click click clicking, working away diligently while The African Child obligingly held his pose and the adults continued to stare.”

Der Blick aus den großen Kinderaugen – Spendenschecks, Weihnachts-Bittbriefe – subsumiert das medial präsente Afrika, den Kontinent, auf dem sich die Schmeißfliegen eingefunden haben, und der hilflos ist, der unserer Rettung bedarf. Wir, so sagen die Betrachter in Europa und Nordamerika nach dem Kauf der einschlägigen Quellen am Kiosk, Samstagmorgen, Kaffee, Toastbrot und Elend. Hilfe von denen, die in die Augen des Kindes schauen, und dies mit einer psychologisch schwierig zu erfassenden Lust am (Mit-)Leid tun. Maja-Pearce benennt diesen Blick, wer könnte das nicht, aber er schaut weiter um: Um die Fotografin herum stehen ältere Männer, erwachsene Rwander, diejenigen, die überlebt haben.

„…adults continued to star. I wondered how much she had paid them. Most of the refugees were hungry, which is part of the condition of being a refugee. I had seen them scramble without any hint of pride or shame for the biscuits thrown by local people from passing vehicles.”

Diese Szenerie, das Beobachten des Fotografierens, ist es, die Maja-Pearce seziert, die ihm Anliegen und Auftrag ist.

„What we were watching, in effect, was a phenomenon in which the West was talking to the West in order to raise yet more money in the West, which also meant that the African refugees in whose name all this activity was taking place were curiously peripheral.“

Adewale Maja-Pearce schreibt gegen die Rezeption Afrikas als ewiger Hungerleider an, er engagiert sich für die intellektuelle Macht des Kontinents und seiner Diaspora, aber mehr und schärfer und besser als andere treibt er einen Diskurs um Würde und etwas, das man Solidariät nennen könnte, voran; ein gefährliches Konzept in den ausnahmslosen Staaten, (die liegen dies- und jenseits des Ozeans), in denen sich moralische Integrität an der verfügbaren Menge an Naira, Euro, Dollar oder Währungen, die ich erst nachschlagen müsste, entlang hangelt, ein angreifbares Konzept, in dem die Suche nach Schuld und Mitschuld zum Prüfstein möglicher Zukünfte wird, ein Konzept, das – so lese ich zwischen den Zeilen der scharfsinnigen und literarisch gekonnten Essays – das entscheidende Programm für eine Art von Humanität wäre, die Not täte, dies- und jenseits des Ozeans.

Gegen eine solche Abstraktion würde Maja-Pearce gegebenenfalls Einspruch erheben, so stelle ich mir ihn vor, er würde es mit feinem Humor tun, denn er verortet die Krisenzustände, fernab eines verwässerten ethischen Relativismus: Hier geht es um afrikanische Probleme, ohne Frage angelegt, aber auch hausgemacht. Er fragt, auf den Straßen von Kigali:

„Besides, where were the African agencies and governments in all of this, content as they were to let foreigners feed their brothers and sisters? Poverty wasn’t the issue but political will, or the lack of it, but then poverty was never the issue, only the excuse.”

Und er schließt seinen Essay mit folgenden Worten, listen to this gentleman, listen, fresh young graduates from the West und alle anderen auch:

“This was the reality, and not made any more palatable by the fact that the continent itself (and not only Rwanda) appeared to believe that the solution to all problems African lay in the hands of fresh young graduates from the West, people for whom Africa could never be more than a photo opportunity.”

 

LESEN SIE DIESES BUCH, DIE DAMEN UND HERREN!

www.thenewgong.com

 

(Schön in Ergänzung zur Frage nach der Verknüpfung von Person und Geschichte die Antwort von Wole Soyinka, ob er seinen vermeintlichen Rück-Klau eines (leider gefälschten) Yoruba-Bronzekopfs , Ori Olokun, aus Brasilien der afrikanischen oder der nigerianischen Bevölkerung widmete:

“No, no, no…It was personal, historical.” )

The Author

kulturalista

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