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erlebt, ehrlich wahr / formen des zusammenseins / unangemessene psychologisierungen unbekannter

 

Das Prekariat, die schicke Begrifflichkeit, klopft an. Es klopft nicht, es sitzt. Vor der Tür, Handfläche nach oben. Eine Tüte soeben erstandener Frischmilch in der Hand und auf dem Weg zu morgendlichen Ritualen schaue ich ihm, ihr ins Gesicht. Sie sitzt neben der Tür des Einkaufsmarktes, der per se schon erschütternd elend ist, und streckt die Hand aus. Ihr Blick ist komplizinnenhaft, sie hat ein unerwartetes Lachen in den Augen, wir kommen ins Gespräch. Ich frage (als wüsste ich’s nicht), warum sie denn dort säße, und sie lacht ein bisschen über die zugegeben unnötig einfältige Frage (heaven forbid, aber ich sagte ja: vor den morgendlichen Ritualen, die einem die Verfasstheit dieses Hier und Jetzt ins Gedächtnis bringen, nach einem nächtlichen Ausflug ins Vergnügen, gedankenlos).

Eher gedankenvoll schaut sie zu mir herauf, sie schaut herauf, weil ich stehe und sie sitzt, und beide überlegen wir, wie wir’s nun machen sollen, wer steht auf, wer kniet nieder (Vgl. gedankenlose Vergnügen, fußnote ich heimlich, die klamme Verpackung in der Hand). Aber sie sagt nur: „Weil es so ist“, in einem Deutsch, nach dem sich die Theoretiker auf dem heimischen Schreibtisch als empirisches Futter für hyphenated whatwhat die schmalen Hände rieben, hörten sie es. Wen kümmert das? Sie weiß: Niemanden. Sie hat keine ausreichenden Papiere für dieses Land, dieses Kopfsteinpflaster, und ist auf der Hut. Sie bleibt vage in ihrer kleinen Erzählung, dieser wahrlich erdenden, ersten für heute. Putzen für vier Euro die Stunde gehe sie, ein paar Mal die Woche leider nur, das reiche für nichts, was Bedürfnisse erfüllte, sagt sie und lacht beschämt. Die Hand aufzuhalten sei da lukrativer, aber wirklich darüber sprechen mag sie nicht. Die terms of business sind immer kleingedruckt. Vielleicht gehöre sie einem dieser Netzwerke an, werfe ich in die Luft, und sie fängt meinen ins Leere laufenden Halbsatz mit ihrer noch immer ausgestreckten Handfläche auf und schaut ein wenig spöttisch, noch immer nach oben. Was wisse ich schon. Was weiß ich schon. Vielleicht fährt sie im übrigen Leben einen Mittelklassewagen, die Kinder machen die Hausaufgaben, die ihnen ihre guten Schulen erteilen, tatsächlich, ihren Mann, den Hund, hat sie zum Teufel geschickt, und abends trägt sie rote Lippen spazieren. Aber ihre Beschämtheit, die sich mit meiner anfreundet, spricht eine andere Sprache, ihre. Und da sitzt sie mit ihren wachen Augen und ihrem schönen Gesicht, beides beeindruckender als mein Beitrag zur Gesamterscheinung. Vielleicht bringt es ihr etwas ein, vielleicht hat sie am Nachmittag ein paar Münzen mehr in der Manteltasche, wenn sie den Zug in die benachbarte Kleinstadt nimmt.

Wir plaudern noch kurz, wie unangemessen die Themen hier sind, und dann geben wir uns die Hand, in einem seltsam ironischen Modus der Schwesternschaft, der hier doch nicht recht stimmen will, wie wir wohl beide feststellen. Ich frage nach ihrer Telefonnummer, für den Fall, dass, aber hiervor will sie nichts wissen. Ich lächle, sie lächelt, ich gehe, sie bleibt. And this is what they call unsettling. Kürzlich sah ich ein Video von einer Diskussionsveranstaltung, in der eben jene unlängst unbeholfen zitierte Idee einer sistahood akademisch bearbeitet wurde. Insbesondere die vermeintliche Vergleichbarkeit der Repressionserfahrungen von schwarzen und weißen Frauen machte einer der Diskutantinnen schwer zu schaffen, sie stützte sich auf den Tisch, um den herum alle Teilnehmenden saßen, stand auf und stieß, die Hände inmitten von Papieren, hervor, dass sie beef from here till pluto habe, wenn sie sich eben genannte Äquivalenz anhören müsse. Dies im Ohr dies im Herzen, noch vor dem eigentlichen Erwachen:

Den Wunsch nach einer Wut, die bleibt, wie nach einer Liebe, die bleibt; die die Faust ballt und versteht und die nicht vergisst, nicht so nachlässig ist wie ich es einen Straßenzug später sein werde, ihren Namen beiläufig fallen lassend. Den ich jetzt vermisse und suche, den Blick nach unten, in ihren Straßen.

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kulturalista

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