Bekanntschaften IV – Die militärische Bekanntschaft

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bekanntschaften / erlebt, ehrlich wahr

Im Auto durch die an Abwechslungen arme Landschaft fahrend höre ich gerne einem Soldatensender bei der Durchsage seiner Wichtigkeiten zu und vermute permanent einen versteckten Code im Ausgestrahlten, eine Botschaft, die nicht für mich bestimmt ist und die ich nicht entschlüsseln kann. Im Soldatenradio „The Eagle“ laufen, dies ist recht einsichtlich, Lieder, die Zeilen wie „I need a soldier/that ain’t scared to stand up for me/known to carry big things/if you know what I mean“ (Fräuleins, how low can you go, mhm?) und die zugehörigen Sekundärtugenden zur zentralen Aussage haben, basierend auf einer derart reaktionären Sexualisierung, wie sie popkulturell sonst nur noch bei Schulmädchen und Krankenschwestern betrieben wird. Mich überkommt ein dystopisches Schaudern, die überzeitliche Partnerschaft von Anziehung und Ekel, am Steuer, denn, nein, das will ich nicht: Jemanden ohne Brüche und mit Stiefeln, unterwegs für ein mir von Popsängern und sonstigen Flunkerern zugesprochenes Stückchen Staat. Für die Freiheit der Heimatfront und dergleichen. Entschuldigen Sie mal!

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Zwischen Liedgut dieser Art finden sich allerdings Ansagen, die mich in ihren Bann ziehen: Werbung für semi-militärische Tanzveranstaltungen mit Gratis-Getränken für die drivers, R’n’B bis zum Zapfenstreich oder wie das in den Gutenachtgeschichten der Väter hieß. In der It-Spelunke der Wahlheimat einer Herzensdame, in der mich beim letzten Besuch nichts so befremdete wie der kichernde Stammtisch unerwartet praller, bärtiger Frauen am Tresen, traf ich unlängst auf einen, den ich mir, ich konnte nicht umhin, anders vorstellte. „Du bist schon auch süß“, raunte er mir in einem vertraulichen Ton ins Ohr, ein merkwürdig einräumendes Komplementiergehabe an den Tag legend, nachdem er an den wackligen Bistrotisch in Metallic-Optik, den ich mir mit den begleitenden Damen gesichert hatte, getreten war. Seine Ketten klimperten vor der mit bunter Trikotage bekleideten Brust, der Atem ging ihm schwer von den Getränken der vorherigen Orte. Wir tauschten Namen und biographische Details, gingen später ein Stück im Regen auf und ab, auf der Suche nach Abwechslung. Auf der Straße erzählte er mir dann auch von Einsamkeit, vor allem aber, dies in der Hoffnung auf bleibende Eindrücke, dass er Soldat sei, ein verlassener Soldat, mit Kind und Frau. Die gäbe es sehr wohl in seinem Leben, seien aber auf Grund der Umstände entfernt. Er trug einen Blick, der mich befremdete und rührte, in den Augen spazieren, meine militärische Bekanntschaft, ein mir unbekanntes Rauschmittel ließ sie ihm tränen, während er eine Geschichte von Migration erzählte, die nicht fremd klang. Amerika und ihre Plantagentradition, roots, mit einer an der eigenen Familie konkretisierten Leidensgeschichte, Afrika, die ewige Diaspora, und nun der Regen in Mainz, und noch mal, „Du bist echt süß“, als würde die Wiederholung etwas ändern an unserem Empfinden füreinander.

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Wie sie sich wohl gefunden haben mochten, sie und er, damals und pränatal, imaginierte ich unfreiwillig, während wir dort beieinander standen. Ob sie auf dem Weg zu einem eigentlich anderen Ort die Werbung für eine der Tanzveranstaltungen mit Freigetränken gehört hatte, auf der Fahrt durch eintöniges Hügelaufundab, zwischen zwei Liedern, ob sie ihre Gedanken kurz in die vor ihr liegende Nacht geschickt hatte, abwägend, was kommen könnte und was bleiben, und dann an der entscheidenden Stelle den Blinker gesetzt hatte. Den Rock zurecht gerückt, die Lippen nachgezogen. Außen einen Ton dunkler als innen, hätte sie vielleicht kurz gedacht, und vielleicht auch an das Schicksal derer, die einmal investigativ ausgezogen waren und dann in Gratismagazinen solche Tipps, triefend vor gender-Zeug, hell yes, niederschrieben, an schwachen Tagen jede Zeile begleitet von einer aufdringlichen Scham. Dann sie: In den fremden Raum gestöckelt, wie er es mit schweren Schritten getan hatte. Dagestanden. Blick ins Rund. Blicke zurück. Dann er und dann sie, dann etwas aus den Lautsprechern, das eine Sehnsucht anmahnt, die umfassend und einfach ist: Romantizismen und Werbung, Körperlichkeit und die Lust. In gebrochenem Englisch und stolperndem Deutsch einige Sätze, dann ein Rausch auf dem Beifahrersitz oder sonstwo, hips pumping pleasure into hips. Hände, ihre, seine, atmen, atmen. Das, dachte sie vielleicht beim Abklingen der Leidenschaft und Aufkommen des unvermeidbar mütterlichen Blicks aufs Nebenan, das ist, wovon sie nicht singen: To breathe a perhaps forecast of what / another kind of happiness might be.

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Eine andere Art? Am Morgen die Schwere in den Knochen, die unbequeme Haltung neben einem Fremden, den Atem prüfen, enttäuscht werden. Weg von hier. Ihn an einer Tankstelle mit Kaffeeausschank herauswerfen. Sie hat Anstand, schließlich. Ein Anruf, irgendwann später. Kein Wiedersehen. Wieder ein Anruf: Ein Kind.

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So oder ähnlich stellte ich mir den Hinterhof seines Schicksals vor. Es half weder ihm noch mir an diesem Abend unserer Begegnung, wir blieben zwei sich einander nicht nähernde Fremde, er mit seinem Hang zur Süße und ich mit meiner Gier nach den Geschichten anderer. Er sah das ein, soldatische Bekanntschaft, die er mir war, und zog weiter, auf der Suche nach einer anderen Art von Interesse, einer, die sich auszahlt. Beim nächsten Wiedersehen, so sagten wir uns, werden wir die Fortsetzungen erzählen, die Episoden, die zwischen Heute und Dann gelegen haben werden. Er drehte sich um und ging ohne Gruß (an inch of nothing for your soul). Ich blieb noch eine Weile an diesem Nicht-Ort neben dem Hauptbahnhof, dessen Insassen mir die Tristesse schmackhaft machen, am Tisch mit einer lange vermissten Bekanntschaft namens Sicherheit. Die dann irgendwann sagte: Eine zweite Begegnung wird es nicht geben.

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kulturalista

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