Bezichtigung XI – Zur ‘Sorge um das tägliche Brot’

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Bezichtigungen / gelesen

(Fundsache bei den wunderbaren Sammlerwesen von picturesofwalls.com)

Die Diskussion um den Hunger in der Welt, die perfiderweise erst dann mit am den Frühstückstisch sitzt, wenn der ausgehende Biotreibstoff auf ihn aufmerksam macht, motiviert derzeit die Schreiberinnen und Schreiber der Tageszeitungen. Daran ist nichts verwerflich, klar, schließlich gehe jede/r mal ihrem/seinem Talent nach. Auch die Vorliebe für Randnotizen kann nur gutgeheißen werden, verspricht sie doch oft erheiternd Abseitiges am Morgen. Dennoch – sich in der folgenden Art ein Thema zu hängen, wie dies gestern in der WELT von Statten ging, sich den Hunger auch noch einzuverleiben, das ist trotz der schönen Recherche so unangemessen, dass es einem schlecht wird.

Hänsel und Gretel sind unter dem Titel „Die Sorge um das tägliche Brot“ die dürren Ikonen, die den Leser, alte Regel aus Journalistik I, ‚abholen’ und ins harsche Land des europäischen, vor allem des deutschen Hungers führen. Auch das ist erst einmal nicht von Übel, zweifelsohne wurde auf diesem Kontinent gelitten; und gestorben wurde hier wie die Fliegen, mit leeren Bäuchen, dahingerafft von den Folgen von Wirtschaft, Krieg, und, ja, auch Naturgewalten. Die, alle drei, keine Rücksicht auf ehemals ideenvolle Köpfe und Lebensentwürfe nahmen und, das wissen wir ja alles, nehmen. Dies steht außer Frage, und können auch verschwisterte Fastnochjugendliche Geschichten der Vorvorderen, die mit vorwurfsvollen „Wir hatten ja nichts“ beginnen oder auch rhetorisch geschickt enden, geäußert meist zum Auftakt von Festessen oder Völlereien ähnlicher Güte, nur schwer ertragen – so, wahrscheinlicher aber so ähnlich, haben sich doch Realitäten gestaltet. Bis zu diesem Punkt ist alles legitim, und der Einfluss solcher gesellschaftlicher Erfahrungen auf die Kulturgeschichte ist unbestritten der Rede wert.

Bemerkenswert ist allerdings die Motivation von Artikeln wie dem genannten. Der Autor legt sich ins Zeug, akribisch Zitate – mit einem ordentlichen Nachschlag auctoritas-Gehalt– zu einem beachtlichen Haufen Hunger, versehen mit dem Gütesiegel „Unser“, aufzutürmen. Aus den Zeilen spricht ein fast schon streberhafter „Wir aber auch!“ – Gedanke, der unangemessen ist angesichts der Ereignisse, auf die er da Bezug nimmt. Hätten der Text und sein Autor ein Interesse daran, auf die Allgegenwart des Elends in diesem here and now hinzuweisen, dann hätte er den Sprung von den Märchen- zu den Hungerkindern dieser Tage geschafft. Dass es Hunger auch in Deutschland gab, ist ein banaler Trick, sich nachholend auf die ‚richtige’ Seite zu schlagen. Darauf hinzuweisen, dass „Hunger und Leid auch härter (machen)“, ist ein wirklich unnötiger Versuch aus der Reihe ‚Lob des Elends’, aus dem eine ’poor but happy’-Haltung spricht, die nichts ist als affirmativ und traurig.

Vorgestern sagte ein auf seiner Bühne hausender Straßenmusiker anlässlich einer schönen Veranstaltung, dass sich sein Beruf immer noch soweit rechne, dass er sich ein Kilo Bananen kaufen könne, und vielleicht noch ein Stück des bis zum Erbrechen zitierten Brotes. Das ist nicht viel, aber es läuft auch, das ist keine neue Erkenntnis, mit noch viel weniger. So viel zum literarischen Motiv des Hungers. Es geht auch prosaischer.

Hilft das jetzt jemandem? Erst mal nicht. Aber: Der Hang zur Fußnote, wie auch dieser, ist eine so nötige und anregende Leidenschaft. In einigen Zeilen des zitierten Artikels kommt zum Ausdruck, welche Ansätze für eben solche der Mediendiskurs und die Empirie an der Tankstelle liefert: „Der Brotpreis war damals und bis in die Moderne hinein maßgeblich für die Zufriedenheit des Volkes. Heute scheint er bei uns vom Benzinpreis abgelöst worden zu sein“, schreibt der Autor. Was darin steckt, verrät so viel und macht so viele neue Randnotizen nötig. Die sowohl lesenswert als auch anregend wären. Das Sich-Habhaftmachen von zentralen Anliegen in plumper Absicht ist es keins von beiden. Im Gegenteil. Sich das Motiv des knurrenden deutschen Magens als ‚invented tradition’ auf die Graubrotschnitte zu schmieren ist auch eine Version davon, dem Hunger in der Welt, vor allem aber seinen Existenzbedingungen, aus dem Weg zu gehen.

The Author

kulturalista

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