Bekenntnisse aus dem Nahen Osten I

comment 1
erlebt, ehrlich wahr

„WALKING in the city“, sagt Michel de Certeau in seinem populären gleichnamigen Text zu den Alltagspraxen[1], kann als eine Form des Widerstands gegen die offiziellen und damit autoritären Konstruktionsleistungen des Stadtmarketings gesehen werden. In einer derart von hochkulturellen Deutungen überfrachteten Mittelstadt wie meinem neuen Anlegehafen Bayreuth, der sich durchaus gerne als Hort einer City versteht, könnte man den Konjunktiv streichen – ich gehe am Bedeutungsrand spazieren und bevorzuge es, vor dem Festspielhaus links abzubiegen. Das Kopfsteinpflaster ist hier bullerig wie allerorten in der Republik, die Luft allerdings nicht so lau wie man synästhetisch vorgeprägt gerne vermuten möchte, es gibt hier viel zu sehen und zu tun, und so wenig bringt einen aus der Ruhe, dass es eine Schande ist. Gäbe es nicht die Seitenstraßen.

BAYREUTH ist das Wagnerzentrum dieses Landes, hier hat der Großmeister der Pompösen eine Weile residiert und mit seinem Clan eine sich rege fortpflanzende Dominanzkultur geschaffen, die einflussreich ist, nicht nur im Spätsommer. Bayreuth ist auch, und das mag den Neuling hier etwas überraschen, das Zentrum für die mit Afrika interagierenden universitären Disziplinen im Land. Das Institut für Afrikastudien zeugt hiervon; und auch der Verbund, dem ich nun angehöre, steht für die akademisch-engagierte Beschäftigung mit afrikanischen Themen, die aber, und dies ist als petite Überleitung zu meinem im Folgenden kommenden Appell zu verstehen, nicht zwangsläufig auf dem Nachbarkontinent zu verorten sind.

FORSCHUNGSTHEMEN tummeln sich gerne in den lokalen Nebenstraßen. So weit müsste man hier nicht einmal gehen, auch der Hauptmarkt hat diesbezüglich Einiges zu bieten, dies aber nur am Rande, es soll hier um die kleinen Gassen gehen. In einer solchen stößt man auf semiotische Sprengsel, die nicht allzu schwer zu dechiffrieren sind. Links abbiegend von der Straße, die zum Festspielhaus anhebt, lockt ein perfides Wirtshausschild mit Suffmöglichkeit bis in die Puppen: Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens – und das, so sei dem glücklich Auswärtigen gesagt, ist hier wirklich selten – kann hier sich hierbei Schnaps und Regionalem am Frohsinn  abgearbeitet werden. In der Mittelstraße 2 also “Die Adresse für alle Nachtschwärmer: Wenn anderswo die Lichter ausgehen, geht´s hier erst richtig los – jede Nacht von 21 Uhr bis in den Morgen…“, glaubt man der einschlägigen Virtualiengazette.

DAS sollte nun alles nicht unglücklich stimmen, vielmehr Vergnügliches verheißen, mögen jene mit ähnlichem Hang zu Speluken meinen. Was mich aber auf seine so konventionelle, so normalisierte Art aufregt, sind Name und CI der Einrichtung: In altbewährter Manier preist ‚uns’ – dass da ein „Wir“ hergestellt werden soll, erscheint mir als eindeutig – die Karikatur eines Schwarzen, in traditioneller Manier dicklippig und dienstwillig dargestellt, den Laden, eine “Classical Bar” an.

Mohrenstuben1

CLASSICAL, indeed. GuterAlterNochImmerKolonialKalauer. Vielleicht sollte man sich in dieser Stadt, anstelle davon, der permanenten Seierei zum Alpenmythos in den Wandertagebüchern von Richard Wagners Wombat zu frönen, im kleinen, mal wieder öfter abzustaubenden Restreflexionswinkel mit den Normalisierungen beschäftigen, die man als emsiger Barista oder Bayer oder eben Mensch durchs Dasein schleppt. Das nimmt mich nicht aus, aber hier, in dieser Nebenstraße, nehme ich mich aus. Ich spreche diesem unbedachten Verwenden von Stereotypen das Amüsante ab, sehe aber sein Normales, und schal vertraut Schmeckendes.

VIELLEICHT wäre der kleinste Schritt auch hier wieder der beste – just guess: Ich fände mit karikiert langnasig dargestellten Weißen Frauen werbende Spelunkenschilder in den shady parts von Johannesburg, die sich dann auch noch (how low can you go, Gastwirt?) UMlunguMeisjie-Stub’n oder ähnlich nennen würden, nur begrenzt komisch. Meine dort ansässigen Freundinnen und Freunde nicken aus der Ferne, auch wenn wir uns in nächtelangen Stereotypenduellen verbal die Köpfe einschlagen, die vor Ironie glänzen. Augen und Aussagen. Das alles beruhigt mich.

DIESES oberfränkische Stückchen Stadt, das sollte auch noch gesagt sein, bietet Raum für Einiges. Das Sich-Einrichten, Verorten, ein Herstellen von Zuhause aber bedeutet Auseinandersetzung. Wole Soyinka, der im Hintergrund meines universitären Programms hier als External Advisor aktiv ist, ist bekannt für seinen anspruchsvollen Kunstbegriff. Vielleicht sollten wir uns der christlichen Popkultur annähern und ein „What Would Wole do?“-Gummibändchen ums Handgelenk schnüren, eins, das daran erinnert, dass jede Praxis, und sei es das Gehen, etwas damit zu tun hat, Erneuerung zu schaffen, sich von Ballast zu befreien, und zwar überlegt. Auch am Tresen. Let’s drink to beauty, to absent friends and to a smart and oh, so! necessary version of PostColonialism.


[1] Michel de Certeau, WALKING IN THE CITY, in THE PRACTICE OF EVERYDAY LIFE, 1988.

The Author

kulturalista

1 Comment

  1. Ach, ich mag heut mal die dumpfe Mittelstadt verteidigen und sage: Vielleicht steht das Bildungsniveau der Bayreuther ja so derart hoch, daß sie nicht das negativ konnotierte Synonym für (pardon!) “Neger” meinen, sondern die viel früher dagewesene Bedeutung des simpel sprachlich eingedeutschten “Mauren”, und damit ein wenig wohlwollende Exotik und Weltoffenheit in den Hinterwald bringen wollen, so wie unsereins, wenn er Pizza ißt, franz. Rotwein trinkt, eine Shisha raucht und dabei mongolischen Kehlkopfgesang hört.

    Oder erliege ich jetzt wieder meinem allzu ausgeprägten Glauben ans Gute im Menschen?

    Trotzdem hoffnungsvoll, Dr. E. Schreck

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s