er kommt! wagner wieder.

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smilesmile

Es ist Festspielzeit!

Endlich!

Heute fand die über die oberfränkischen Landesgrenzen bekannte ‘Auffahrt’, die eine Institution darzustellen scheint, statt; der offizielle Auftakt der Bayreuther Wagner-Festspiele. Zum einhundertsten Mal jähren sich diese in 2011; und man möchte ihnen keine weiteren einhundert wünschen. Die Auffahrt also : “Da müssen Sie aber früh hin, um überhaupt etwas zu sehen”, raunte man mir zu in den Tagen, die die dramaturgische Hinführung zum Spektakel darstellten. Früh also solle man; dies ging nun leider nicht, also: später. Mit einem leichten Gefühl der Aufregung strampelte ich nach fünfzehn Uhr den Grünen Hügel hinauf, klar zu spät, wie mir die Menschentrauben, die sich aus der Ferne vor dem Festspielhaus abzeichneten, zeigten. Eine heitere Lässigkeit lag in der Luft, abgesehen von jenen geschmückten ZeitgenossInnen, die den Hügel hinauf hechteten, um noch pünktlich zu kommen.

the clan kütt.

‘Schlingensief’, wundere ich mich, ‘was hat er hier wohl gedacht?’ Er stand ja einige Spielzeiten lang dort oben und guckte in die Kameras. Von denen gibt es ein Heer hier; zunächst hatte mich das Brüllen der Regieanweisungen für das Echtzeit-Theater “Hierher, hallo, schauen Sie in die Kamera, hierher!” etwas befremdet; bewegt sich mein Berufsstand doch eher selten in derartigem Rampenlicht. In den Displays der Kameras digitalisiert sich das Geschehen – Größen aus dem öffentlichen Leben, Leute, die man irgendwo schon mal gesehen hat, aber nicht recht zuordnen kann. A, B, C- Prominenz und –Hörnchen. Menschen mit Knöpfen im Ohr. Ein ausnehmend attraktiver und potent wirkender Sicherheitsmann. Oh! Retten Sie mich vor mir.

All das erbarmungslos ausgeleuchtet durch das grelle, grelle Nachmittagslicht. Hätte ich die Regie hier; ich würde insbesondere die Auffahrt in den Abend verlegen; das Licht ist mehr als unvorteilhaft; und einer sehr reflektierten und menschenlieben Freundin entschlüpften in der Korrespondenz die Worte ‘angemalt’ und ‘Gruselkabinett’ zur Beschreibung ihrer Erlebnisse aus dem Festjahr 2010. Bemerkenswert in der Tat, wie das Weißgrau des Himmels das kamelfarbene Make-Up des Gesichts vom Restkörper abhebt; wie die glitzernden Saphire auf Ohren und Hälsen die kalte Farbwahl als unglücklich entlarven.  Herrjeh. Man möchte gar nicht hinsehen – die Männer sind, ob der fehlenden Gesichts-Fresken etwas besser dran, aber nicht sehr. Ich erinnere die Weisheit, die eine befreundete Biologin in der Nähe von Kapstadt immer im Suff  von sich gab: Einmal da, nie mehr weg, so eine Hautfalte. (In der Umkehr galt dies leider für ihre technische Ausrüstung, die sich mit Dieben davonmachte, fiel mir auch wieder ein.)


das war 2011: erinnerungsbilder vor dem festspielhaus.

So also. Bayreuth, die Auffahrt, hundert Jahre Wagners Werk. Cosima Wagners Werk wohl vor allem, in der Nachlese beeindruckt die Vehemenz des Handelns dieser Frau. Ihr Werk schreckt ab – sie protegierte die Oberschlaumeier der rassistischen ‘Theorie’bildung und ähnlich ideologisch verortete Konsorten im Haus Wahnfried und trug maßgeblich zum begründet schlechten Ruf Bayreuths in Sachen Toleranz und Freisinn bei. Einiges hat sich seither geändert, vieles bleibt Arbeitsauftrag. 

schaulustige wie göttingen wie bayreuth: schön von hinten.

Bayreuth, Grüner Hügel, Du: Polizeifahrzeuge, senffarbene Beinkleider, grellgelbe Regenmäntel für den Fall der Fälle. Plötzlich Hektik, eine Verhaftung, das Schnappen der Handschellen, umwabernd der Geruch von Bratwurst und auch etwas, das an Kantine erinnert, in der Luft, Hunde unter dünngehungerten Ärmchen, blonde Fönfrisuren, schüttere Herrenhäupter, viel “Ach, das ist ja schön, Sie zu sehen” und ab und an ein “Frau Schmidt, haben Sie meinen Mann gesehen?”, das die Katastrophe wittern lässt. Hinter den Glasscheiben das Starren aufs Volk vor der Tür, der Trompeter pustet probend ins Blech, und der Teppich füllt sich. Für mich ein Bild der Vergewisserung.

Das ist diese Republik (auch): Herausgeputzter Geld-, Politik- und Erb-Adel. “Sind das alles Feuerwehrmänner”, fragt das Kleinkind neben mir seine Mutter etwas aus der Rolle fallend; und dann, nachdem Westerwelle und Partner ins Höhleninnere des Festspielhauses verschwunden sind: “Ist das der Landarzt?” Und auch vulgäres Bezichtigen ist vertreten in der Menge der Schaulustigen: “Da ist die Ferres, die alte Ferres”, bricht es sich aus meinem Hintermann Bahn, gefolgt von einer unflätigen Bemerkung über die vermeintliche Verfasstheit ihres Bindegewebes; mein strafender Blick verliert sich unbeachtet.

auffahrt-equipment I: die klappleiter.                                     auffahrt-equipment II: sitzkissen. für später.                  

Dies ist Deutschland an einem grauen Sommernachmittag; man wünschte, man wäre woanders. History repeats itself. Das Schöne an Bayreuth ist aber ja auch, dass eine andere Welt meist nur fünf Minuten entfernt liegt; und so blicke ich drei Kreuzungen entfernt  in der Stille des heute geschlossenen Iwalewa-Hauses auf die fahl schimmernde Schrift an der Wand –  JOHANNESBURG steht da in schwarzen und grellgrünen Lettern – und erfreue mich an der Aussicht auf internationale Beziehungen; weit, weit beyond the green hills of elitism.

 

‘itchy city’ by kgafela oa magogodi —installation in AFROPOLIS, zu sehen im iwalewa-haus, bayreuth.

The Author

kulturalista

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