Popgymnastik gegen Rechts: Schwarzach im September.

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Wenig Dinge, die fröhlicher stimmen als die Bereitschaft einiger Dörfler_innen, den Samstagnachmittag zum Raum der gemeinsamen Straßenbesetzung gegen Faschismus zu machen. In Schwarzach, einem Weiler in der Nähe  meines derzeitigen Heimathafens, Bayreuth, also: Zünftige Getränke, Holzbänke auf dem Vorhof der lokalen Metzerei, Rio Reiser-Adaptionen, von durchwachsenen Interpreten in schwarzen Röhrenjeans vor  dem umherschlendernden Publikum ins Himmelblau geschleudert, Geschwitze und Gelächter allerorten. Wie Perlen einer lose gefädelten Kette die Stände der üblichen Institutionen – Amnesty International, Bündnisse gegen Rechts, Informationsstände der Polizei, SPD, des Weltladens und der lokalen Piratenpartei-Verästelung…

Ein kleiner Flohmarkt rahmt das Treiben, das heiteren Gemüts den anderen Versammlungen in der Kommune Widerstand bieten will: Seit einigen Jahren schon versammeln sich auf einem Hofgut in der Nähe des Örtchens rechtsradikale Zeitgenossen (mit der temporalen Dimension hört die Genossenschaft auf), die hier, geschützt durch die Plage Privatbesitz,  den “Tag der Franken” begehen. Sie fühlten sich von der NPD verlassen, so der Erklärmensch der Polizei, seit Jahren schon, und deren strategischer Kurs der ‘radikalen Seriosität’ langweile bis provoziere sie: Als Andienen an die Demokratie würde dies verstanden, um dem Parteiverbot zu entgehen und Ruhe vor dem Verfassungsschutz zu haben. Hartgesottene Radikale, so die mir vermittelte Argumentation, machten eher in Sonnenwendfeiern im fränkischen Ödland und bestärkten sich dabei gegenseitig in ihren Nationalismen und Deutschdämlichkeiten, gefolgt von Grillwurst. Beide Ausprägungen des einen Übels sind widerwärtig; aber der traurige Haufen ‘Franken’, der sich also fernab des Rio Reiser-Tributes tummelt, erweckt durch seines Vernetzheit und die Allgegenwärtigkeit in den Provinzpossen dieses Landes besondere Sorge. In mir jedenfalls, gleichermaßen aber gluckert die Freundlichkeit des Schwarzacher Nachmittags über diese Realitäten hinweg, die Langmut, mit der hier eine Gegenposition bezogen wird, bei der es nicht kümmert, dass Schwarzach nicht Berlin ist, sondern, dass gerade deshalb.

Ein Flohmarktstand hält mich mit seinen VHS-Kassetten mit Pop-Gymnastik-Instruktionen länger auf; mangels Gerätschaft verzichte ich aber schließlich. “Ich? Ich bin nur hier, weil meine Freundin gesagt hat, ich soll hier mal auf den Stand achtgeben”, sagt die proper ausgeformte Dame im sommerlichen Strick hinterm improvisierten Tresen, die mir zwei Weckgläser mit der Aufschrift ‘Frauenlob’, Perle jeden Haushalts, für jeweils fünfzig Cent übergibt. Schwarzach, ich bin selig. Die Jugendlichen, die Gefallen am Symbolmischmasch der Flatterfahnen und Manifeste gefunden haben, ziehen mit ihrem Ekklektizismus durch die Dorfstraßen, die Cover-Band macht Platz für das ‘interreligiöse Friedensgebet’. Zeit zu gehen.

Trotz einiger Anstrengungen gelingt es mir nicht, einen Blick auf das radikale Frankenhäufchen zu werfen, das hier nun, und auch in Zukunft, den Fortbestand der Art sichern möchte. Gelangweilt Kaugummi malmende Polizisten säumen die spätsommersatten Felder und imaginieren Fußball, vermutlich, den Mann, die Freundin, Tanzen gehen oder Origami-Tauben falten. Vielleicht auch die verpassten Revolutionen, weil man in Schwarzach stehen musste. Oder das Glück, hier in Frieden stehen zu können, mit Waffe im Holster. Ich mache kehrt, die Schaulust unbefriedigt wieder eingerollt, die Landstraße windet sich gen Bayreuth.

An der nahe gelegenen Mainaue, an der ich nicht vorbei kann, ohne mich im Brustschwimmen zu ergehn, spielt sich ab, wofür Schwarzach aufsteht: Menschen nehmen sich den Tag als Gemeinsames –  ein bisschen Achtung füreinander, ein bisschen Respekt vor dem Raum, den es braucht –  als daher Schönes. Die Brüder bringen den Kindern Schwimmen bei, die Schwestern schütteln die Köpfe über das dralle Mädchen, das angestrengt die Kletterstange als pole benutzt; den kinderspeckigen Körper in betrüblicher Nachahmung der rotierenden Sexualisierten auf dem Handydisplay. Wächst sich aus. Genug zu essen, kaltes klares Wasser, Gelächterperlen. Glückliche Zeiten. Weil jemand aufsteht.

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kulturalista

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