Notizen: Because I live!

Leave a comment
art & stuff / erlebt, ehrlich wahr
pablo-casals-mit-katze

In den Geschenken der ruhigen, langsamen Stunden, die der Exzess des vorigen Abends beschert, ist es eine so großartige Affirmation des puren, unverschämten Glücks, durch das man da watet, sich gewahr zu werden, dass man ein Stückchen Existenz mit überwältigenden, einfachen Menschen teilt –  und wenn dieses Teilen nur im gemeinsamen Referenzpunkt eines 20. Jahrhunderts besteht. Mit solchen, die einen nicht gekannt haben, und vielleicht auch nicht erkannt hätten, hätte die Möglichkeit zum Gesprächs bestanden. Dies macht aber nichts; allein zu wissen, dass es sie gab – für andere, medialisiert auch für mich – ist ein zu feierndes Glück.

Pablo Casals, dessen Biographie in vielerlei Hinsicht lesenswert ist, ist ein solcher bemerkenswerter, schöner Mensch. Neben den beiden großen Kriegen, dem aufkommenden und wuchernden Faschismus, dem Exil und dem Widersinn der territorialen Grenzen, erlebte er eine Vielzahl an Tragödien, dazu zählend auch die zweimalige Furcht, seine Hände nicht wieder gebrauchen zu können – die größtmögliche Katastrophe für einen Cellisten. Andere Zeiten: Als Casals um die Welt tourte, dauerte die Schiffsreise nach Amerika über zwei Wochen. Karrieren funktionierten anders. Jedes seiner Konzerte endete mit dem bezaubernden “El Cant dels Ocells”, dem ‘Gesang der Vögel’.  An ihn, Casals, zu denken gibt Zuversicht ob der ergreifenden Mittelmäßigkeit, insbesondere im kulturellen Leben der Provinz, des Gejammers der Schaffenden, der Trägheit, der Unbesorgtheit. Des Provinziellen im Gemüt. Casals liebte Katalonien, das Land, die normalen Menschen fernab des Kunstbetriebs, eben: Die Provinz, in diesem anderen, widerständigen Sinne. Und er zeigte, dass Kunst nichts neben dem eigentlichen Leben ist; sondern die einzig mögliche Existenzform in der ständigen, beharrlichen Erschütterung. Fragend: Wie können wir leben? Was wäre? Wie wollen wir leben?  Zunächst sei er Mensch, schrieb Casals, dann erst Künstler.

Was Kunst als  ästhetische und ethische Existenz weit weg von Elite-Bräsigkeit für ihn bedeutet, erklärt Casals in einer Passage seiner Biographie (s.222). Hier erzählt er vom Besuch dreier Offiziere des Nationalsozialismus, die ihn zu Konzerten in Deutschland überreden wollten; worauf er antwortete, dass er zu Auftritten in Deutschland genau so stehe wie zum Spielen in Spanien: Niemals, solange der Faschismus herrsche. Was folgt, ist bezeichnend für die Idiotie des faschistoiden Glaubens an Hierarchie: “Sie haben von Deutschland ganz falsche Vorstellungen. Dem Führer liegen Künste und Künstler sehr am Herzen. Musik liebt er besonders.”, sagt der Sprecher der miliärischen Truppe in Casals Erinnerungen, und verspricht ihm einen “Sonderzug-Waggon” für die Reise nach Deutschland. “Einen Augenblick lang wirkten die drei nicht mehr bedrohlich auf mich, sondern nur noch lächerlich. Die Idee, dass ein Sonder-Waggon meine Entschlüsse beeinflussen könnte, war so plump, so kindisch!”, kommentiert Casals diesen Versuch der Korruption.

Im oben zu sehenden Video-Ausschnitt aber spricht er vom Glück, das für ihn auch darin bestand, die Natur betrachten zu können und von der Unbegreiflichkeit der Existenz von Blättern und Bäumen, der Verästelungen und Strukturen, gefangen genommen zu werden. “Come, please, come”, sagt er zu seiner Frau, Martita, am Morgen, um sie auf ein Blatt, oder ein anderes Stück der durchkomponierten Natur hinzuweisen; überwältigt von der Schönheit, diesen Anblick in Teilhabe erleben zu können. Ein ironiefreies “Because I live!” von einem, der  gegen vieles  – Franco, den Faschismus, den Glauben an Ämter, territoriale Grenzen – lebte; vor allem aber für vieles: Leben und Werk als dieses trotzige ‘Because‘.

The Author

kulturalista

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s