A Working class heroine is something to be.

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Seit einigen Tagen bin ich arbeitslos. Das ist derweil in Ordnung, und auch nicht außergewöhnlich – die zu überwindende Wegstrecke zwischen zwei Beschäftigungsverhältnissen, die das akademische Getingel so mit sich bringt, geht man nicht allein. Als ein gemeinhin dem Leben zugewandter Mensch, ergehe ich mich gerne in diesem momentanen Zustand und versuche, aus den Umständen gute Erfahrung oder jedenfalls schöne Fußnoten zu destillieren. Gonzo-Empirie. Ich mache also Dinge, die Arbeitslose in Wille und Vorstellung (beides: meine) so tun: Werktags um halb elf Uhr morgens einkaufen gehen. In der Wochenmitte just nach der etablierten Mittagspausenlücke in Photographie-Ausstellungen, gegen halb vier Uhr nachmittags ins Hallenbad. Bis in die Puppen Lyrik-Blogs lesen. Patchworkdecken- und Jacquardvernissagen, sektschlürfend. Auch: überlegen, ob ich wirklich den Kaffee jetzt brauche, macht wieder 2,80 Euro. Bewerben musste ich mich noch nicht, auch noch keine interkulturellen Spielchen oder Rhetorik-Kurse mitmachen; da wollte ich ohnehin mal fragen, ob ich sie anbieten sollte.

Neue Erfahrungen hingegegen habe ich schon einige im Handtäschchen: Am deprimierendsten ist es tatsächlich um halb elf Uhr vormittags, wenn die Crystal Meth-Versehrten Oberfrankens Schnittbrot kaufen gehen. Hallenbadwasser schmeckt in der Tat süßer, wenn viele alte Menschen darin herumschwimmen. Schon ganz schön viele von uns unterwegs, hier. „I am lonely“, sagt Warsan Shire, „so I do lonely things“. So ist das auch mit uns Arbeitslosen, und wie die Einsamen erkennen wir einander. In der Ungetaktetheit ihrer Tage fallen alle in ein Schublädchen, die aus dem Rahmen fallen: Die Alten, die Siechen, die Drogenmenschen, die Mütter, die Schulabbrecher, die Schulschwänzer, die Irgendwie-Gerade-Auf-Pause-Gestellten. Seit Neuestem sprechen mich bereits ältere Herren im öffentlichen Raum an, im Theater zum Beispiel – ob wir uns nicht aus dem Dampfbad kennen? Aber ja, es könnte durchaus sein; auch sie sind ja nicht Teil der agilen und bezahlten work-force, auch ihre work-life-Balance hat schwere Knochen, dennoch empfinde ich diese Art der Anspielung auf gemeinsame Leicht-Bekleidetheit als unangemessen.

Natürlich arbeite ich trotzdem die ganze Zeit, das ist ja selbstverständlich, in einer Vielzahl von den bekannten Wir-nennen-es-Arbeit-Projektchen herum, über die schon hinlänglich berichtet wurde; eines davon der Abschluss einer akademischen Großbaustelle, deren Gemeinplatz des Leidens mich seit Langem langweilt und den ich hier nicht wiederholen möchten. Bisweilen bin ich einfach zu beschäftigt für Automatenspiel um Viertel nach Eins, oder ein Herrengedeck um die Vorabendserienzeit herum, ich muss dann ab und an den Allianzen, die sich zwangsläufig bilden, absagen: Muss noch was fertig kriegen, tut mir leid. Die Erkenntnishaftigkeit des ganzen Prozesses schmeckt auch etwas schal, so lauwarm chlorsüß auf der Zunge. Was hiervon bleiben wird ist nicht die Überzeugung, dass ein schöner Tag ein geregelter ist, sondern, dass die Zwänge, denen man unterworfen ist, sich in Sanftheit äußern, Zuckerbrot. Und, dass ich das Ende dieser Zeit begrüßen werde, so es vor der Tür steht.

 

(Tat es. 13. )

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kulturalista

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