Euthanasie ist ein Verb/ Es regnet in Himmelkron.

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c'est: oberfranken / erlebt, ehrlich wahr
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Ich komme aus einer Region, aus einem Dorf, in dem die Euthanasie sozusagen um die Ecke liegt. Die Nachbarin in meiner ehemaligen Straße beispielsweise, die uns Kindern grüne Doublemint-Kaugummi-Päckchen ins Himmel-und Hölle-Gehickel warf, verweigerte sich dem sommerlichen Grillen beharrlich, weil ihr der Geruch von Fleisch die Erinnerung ins Genick treibt: Den Geruch aus der Richtung Hadamars, brennendes Fleisch, klebrige Wolken. Ob diese Anmutung der sozial eingeforderten Distanzierung von den Taten der Vergangenheit geschuldet ist oder der eigenen, sinnlichen Erfahrung, wird sich heute nicht klären lassen. Sie hat jedenfalls eine handlungsbestimmende Qualität, und damit ist sie, jedenfalls hierjetztgerade, real. Auf den Schulhöfen meiner Kindheit und, soweit das die zaghafte Empirie zulässt, auch heute, ist „hau ab nach Hadamar“ ein gängiges Schätzchen im verbalen Arsenal für den Beschuss von Gleichaltrigen, die entweder a) anders aussehen, b) irgendwie komisch riechen, c) das falsche Pausenbrot dabei haben oder, größte Sünde auf dem Schulhof meines Milchzahnverlusts, d) aus „der Stadt“ kommen. Ganz schlimm war es e) für jene, in deren Ausweis „Hadamar“ als Geburtsort eingetragen war: Spott auf Lebenszeit war jenen gewiss: Blöde, Idioten. Die langen Finger der Vergangenheit packten zu.

Ich komme soeben wieder aus dieser Region. A3, A7, A70, A9 passiert und hinter mich gebracht; ich bin müde, es regnet und es ist kalt, Oberfranken droht, die Autobahn ist gesperrt. Mir steht der Sinn nach Vollbad und Fußnägel anmalen, dem neuen Buch von der alten Freundin und dem geschenkten Stück zum Antifaschismus der 1930er inklusive Edelweißpiratenkapitel vom netten Antiquariar in meiner alten Stadt, der immer lacht und auf Schwäbisch sagt: „Na, wenn die Insolvenz kommt, melde ich mich“ und immer noch ein Buch aufs Geschenkte packt (diesmal zum Kirchturm in Geislingen, 1911er Ausgabe). Danach steht der Sinn. Aber die Einladung zu einem Vortrag zur Euthanasiegeschichte steht den Wünschen entgegen und es wäre nicht gut nicht hinzugehen, aus verschiedenen Gründen, auch, um die Familie zu vertreten. So also: Hinunter von der Straße, hinein ins Gemeindehaus. Himmelkron. Köpfe drehen sich, ich bin zu spät und bei Weitem die jüngste Besucherin; die ungefähr 50 Menschen im Saal sind fast ausnahmslos über 60.

Referent Dr Norbert Aas ist gerade mit dem Grundriss Hartheims beschäftigt, der ehemaligen Tötungsanstalt und der heutigen Gedenkstätte in der Nähe von Linz; die im Zuge der Befehle aus „T4“ (wieder eine dieser deutschen Abkürzungen) Menschen ums Leben brachte, die als unwert gekennzeichnet worden waren. Dass diese Ausmerzung von Abweichlern der rassistischen Imagination von der ‚Verfeinerung‘ des Menschen im Zeitalter der technisierten Fortkommens keineswegs traditionslos ist, zeigt auch die Geschichte des Schlösschens selbst: Etabliert 1898 als Anstalt für „Blödsinnige, Idioten, Cretinöse“, wie Dr Aas abliest; und was einige zum Kichern veranlasst. Auch die ältere Dame neben mir, die immer nett und bescheiden lächelt, während sich uns allen der Magen umdreht bei den Erläuterungen.

Ungefähr 17 000 Menschen wurden in Hartheim umgebracht, erzählt der Referent, der an den Forschungsarbeiten zur Gedenkstätte beteiligt war und mit Zahlen vorsichtig ist; in einer Kette von Ereignissen, die auch in Hadamar ähnlich systematisiert von Statten gingen: Ankommen der zu tötenden Menschen, Registrierung, ‚Duschen‘, Verbrennen. Dann die Entsorgung der Toten. Eine dreckige Arbeit, wie Dr. Aas ohne falsches Pathos zu verstehen gibt. Eine Viertelstunde dauerte es ungefähr, bis der Tod eintritt. Dazwischen: Sich an andere klammern, Kontrollverlust über relevante Muskelgruppen. Wie sich diese Panik anfühlt? Danach die Arbeit der ‚Brenner‘: Die Toten aufeinander stapeln. In Raten in die Öfen schieben. Abgemagerte Menschen, so die Antwort auf die Nachfrage nach der ‚Rate‘ der Vernichtung, brennen schlecht. Wie könnte die Unmenschlichkeit der Euthanasie besser deutlich werden als in einer derartigen Sachlichkeit der Darstellung. Das Bizarre, Grauenhafte.

Und  inmitten der Katastrophen, der Existenzverluste und der Morde das pulsierende Sozialleben der Belegschaft: Viele Betriebsausflüge gab es, unter anderem nach Mauthausen; viel Kulturprogramm:  Leben eben. Die Nahrungsmittel für die Kantine wurden mitten in der Vernichtungskette frisch gehalten: Neben dem Tod der Kühlschank. Bis 1945 ging es derart zu in Hartheim, danach wurde verwischt, beschwiegen, zur Seite geschafft; das Schloss wurde zur Unterkunft für Vertriebene und für Obdachlose durch die Donauhochwasser.

Und wie dies erinnern, die Sedimente der Geschichten abtragen, wie die Geschichten in Text verwandeln, der wiederum als Erzählung gehört wird? Sie müssten stinken, die Seiten der Geschichtsbücher, genau so: Nach dem Rauch aus den Kaminen, der die Nachbarin verfolgt; damit das Grauen so nah ist, wie es eben ist; und so begreiflich, so antastbar und real wie auf der anderen Seite des Spektrums der Geruch nach Sex am Morgen. Durch die Strumpfhose: Das Grauen und das Berückende, die Nähe der Extreme.

Aus einem Stich aus den Depots für Asche, Knochen und persönliche Gegenstände ist das Denkmal für die Ermordeten in der Gedenkstätte beschaffen, ein sektiertes Scheibchen Unheimliches. Auch ein anderen Bild, das die Gemengelage im Erdreich zeigt, bleibt in Erinnerung: Ein Stück vom Rosenkranz einer oder eines Ermordeten, punctum, die Wunde: Einstieg in eine Lebensgeschichte und einen Todesweg; die Spur von Objekt, das bleibt, aus gedacht.

Und nach dem Vortrag viele Nachfragen: Wie ging das nun mit dem Verbrennen? Wie viele Menschen am Tag? Wie ging das denn nach dem Krieg, dass keiner etwas gewusst haben sollte? Wer wurde verurteilt? Wer nicht? Staunen und Ekel und die Spuren, die nach Himmelkron, Nest bei Bayreuth, führen: Die meisten der den Verbrecher*innen der Euthanasie Anheimgefallenen von hier starben in Hartheim. Und hier stehen wir, sitzen etwas benommen vor dem Bildern und in den Worten.

Auf den Treppenabsatz hinab ins nieselnde Heute der Blick auf die Tür zur Rechten: Behindertentoilette. Vielleicht ist es dies, auch wenn es naiv und selbstbezogen anmutet: Sich vor Augen zu halten; dass ein Leben wie meines, mein Leben, mein schönes, wildes Leben mit der Option auf Fußnägellackiererei im Warmwasser, so nicht möglich gewesen wäre, höchstens ein erster Schritt auf dem, wie es Norbert Aas richtig bezeichnete, „Todesweg“. Sexuelle Freiheit, ‚abweichendes‘ Verhalten, Herummäandern im Vorstellbaren, Ersinnen, Phantasterei, Verheddern, Umkehr: Unmöglich. Im Regen vor der Ritterkapelle, in der ein Gedenkstück an die Toten aus Hartheim erinnert, ein Auto-Kaddisch für ein damals unverzüglich zu ermordendes Selbst, das man ab und zu sprechen sollte, für alle meine Leben, die vor ein paar Dekaden hier gestorben worden wären; und die heute lebbar sind.

Dies aber nur, weil ein paar Leute emsig graben und den Fuß in derTür zur Empathie für das Grauenhafte im Banalen halten –  für die Kühlkammer der Kantine neben der  Gaskammer; Flötenkonzerte und Tötungslisten; schwarze Wolken und lichter Himmel, verbrennendes Fleisch und warme Körper, verschränkte Leichen und ineinander verschlungene Gliedmaßen am Morgen in Deinem Bett. „Es ist eine alte Geschichte“, schrieb Herr Heine kalauerhaft und bezaubernd über die alte Bekannte, die eigensinnige und einseitige Hingabe Doch bleibt sie immer neu;Und wem sie just passieret, Dem bricht das Herz entzwei.“ Dass nicht alles Geschehene wiederholt passieren muss und trotzdem neu, just, gerade jetzt, empathisch vorstellbar, herzbrechend und aktuell, Auftrag bleibt, darum geht es. „Ich habe den letzten Leiter noch kennen gelernt“, sagt ein älterer Herr, Arzt,  im Publikum; „der euthanisierte aber nicht mehr.“ Darum geht es: Euthanasie ist ein Verb. Wie die Liebe. Das Lieben. Wie die Geschichte. Das Erzählen. Ein grässliches, grausames, abscheuliches, etymologisch und ideologisch grundfalsches Wort; eine Tätigkeit, wo/man- und handmade; eines, das nie ganz Vergangenheit annehmen kann, auch wenn die Grammatik den Kopf schüttelt.

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kulturalista

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