# nicht-jubiläum: max von der grün

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Einer aus dem anderen Bayreuth

“Oft ist schon viel geholfen, wenn ihr freundliche Worte findet, denn Worte können verletzen – oder helfen.” Diese fast zärtliche Feststellung hat Max von der Grün seinem bekanntesten Buch vorangestellt. “Die Vorstadtkrokodile”, einem Stück Jugendliteratur, dem fast jede_r im Laufe der Schulzeit begegnen. Vor 89 Jahren, am 25. Mai 1926, wurde der streitbare, kaum nachgiebige Schriftsteller Max von der Grün, der sich stets als Arbeiter begriff, in St Georgen in Bayreuth geboren. Ein Schild erinnert dort, direkt neben der Kirche, an den berühmten Sohn der Stadt. Allerdings nicht am richtigen Haus.

“Ungeduld” hatte Max von der Grün im Fragebogen der FAZ als seine prägnanteste Charaktereigenschaft angegeben. Und Ungeduld zeichnete sein Wirken aus: Temperamentvoll bis brüsk ging er mit den Mitteln der Literatur gegen Ungerechtigkeiten vor. Und in der Tat: Sein Leben war reich an derartigen Erfahrungen: Von der Grün wuchs — der adelige Namen nur eine Reminiszenz — in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater war als Zeuge Jehovas zeitweise im Konzentrationslager Flossenbürg inhaftiert. Von der Grüns Leben war in vielerlei Hinsicht mit der Geschichte dieser Region verwoben — so arbeitete er auch in Selb in der Porzellanindustrie. Als Jugendlicher meldete der noch nicht 18-Jährige sich freiwillig für den Kriegsdienst für die Nationalsozialisten. Er geriet in Kriegsgefangenschaft,  arbeitete danach in Amerika. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland, 1948, zieht er ins Ruhrgebiet, nachdem er keine Arbeit in seiner alten Umgebung finden kann. Drei Arbeitsumfälle, die er bis 1955 erlebte, lasse die Arbeitsbedingungen der Bergleute zu seinem Lebensthema werden, das er — Schritt für Schritt — mit den Mitteln der Literatur bearbeitet.

Im März 1961 gründet er mit Gleichgesinnten die »Gruppe 61«. Gemeinsam diskutiert man die Möglichkeiten des Schreibens über Arbeiter_innen und die Arbeit. Von der Grün arbeitet in mehreren Feldern. Die Rolle der Literatur interessiert ihn: Was kann sie leisten, wie kann sie die industrialisierte Arbeitswelt nicht nur beschreiben, sondern ausloten? Aus diesen Überlegungen erwuchs ja die “ Gruppe 61”, die sich diesen Fragen widmete. 1963 erscheint in diesem Geist der Roman “Irrlicht und Feuer”, von der Grüns zweites Werk. Die unverhohlen realistische Darstellung der Arbeitswelt in den Zechen in “Irrlicht und Feuer”, das zu einem Klassiker der Arbeiterliteratur wird, bescheren dem Schriftsteller, dem das Attribut ‘engagiert’ steht wie wenigen anderen, Probleme. Nicht das unwichtigste: Die Kündigung. Die Weichen sind damit, unfreiwillig, gestellt: Max von der Grün lebt nun vom Wort im Mund. Und das nicht leise – er engagiert sich in der Gruppe 61 – und ist mit dem jüngst verstorbenen Günther Grass im Wahlkampf für Willy Brandts SPD unterwegs. Auch Heinrich Böll lernt er kennen, 1964 schon.

Im Laufe der Jahre wird Max von der Grün zum Klassiker einer Art von Literatur, die sich als dokumentarisch und künstlerisch versteht. Seine Arbeit ist ihm immer Festhalten und Ausloten zugleich. 1979 erscheint sein Geschichtswerk: “Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1979)”, in dem er – wiederholt anhand seiner eigenen Geschichte hinterfragt, wie die sich das Schrecklichste in kleinen, alltäglichen Schritten herangezogen wird. Im Fokus seiner Werke sind häufig die Kinder und Jugendlichen und die Zwänge, denen sie unterworfen sind. Der durchgreifenden “Diktatur der Angepassten”, wie das Blumfeldt das Jahre später besingen werden.

Am bekanntesten aber sind heute wohl Max von der Grüns Werke für die jüngeren Menschen: “Vorstadtkrokodile” vor allem, die “Geschichte vom Aufpassen”, die noch immer in – hoffentlich – vielen — Klassenzimmern noch eine Rolle spielt. Warum nun dieses? Weil es Courage und Aufrichtigkeit durch die literarischen Mittel lehrt, dabei aufregend und bewegend ist, nicht nur für junge Menschen. Schriftstellerkollege Heinrich Peuckmann hat seinen Respekt für von der Grün in Worte gefasst: Er habe, so der Schriftsteller, ihm als junger Leser gezeigt, dass alles für alle möglich ist und sein muss. “Einer von uns”, schrieb er über sein Vorbild. In dieser Gleichheit, die wohl besser Solidarität genannt werden sollte, unabhängig vom Zeitgeist aufrecht zu erhalten, scheint das Lebenswerk Max von der Grüns auf. Vom Roman zur Reportage vermittelte er das, was er, gefragt von der FAZ, als sein Lebensmotto angab: “Nichts als gegeben nehmen.” (Als Traum vom Glück gab er übrigens an: “Die Zeitung aufschlagen und nichts von Helmut Kohl lesen.”).

2005 verstarb Max von der Grün nach einem Leben voller Umzüge und Umbrüche, voller Worte, voll des Engagements für andere. “Ungeduld” hatte er, es wurde schon erwähnt, einst als die ihm charakteristische Eigenschaft beschrieben. Eine gewisse Ungeduld verspürt man ob seiner Würdigung in Bayreuth: Viel mehr wäre diesem Mann geschuldet als ein Schild in St. Georgen und eine Straße in der Peripherie. Keine starre Materie. Leben udn Lesen würde er verdienen: Ein Lesefest für Kinder und Jugendliche vielleicht. Ein Geschichtenwettbewerb über Courage und Interesse. Eine Tagung zu Arbeiterliteratur im digitalen Zeitalter. Die Nachbarn in Nürnberg waren schneller: Den dortigen Kulturpreis bekam von der Grün 1974 verliehen, den Ehrenring seiner Wahlheimat Dortmund 1987. Den Preis der Stadt Bayreuth, in der er geboren wurde, hat er nie erhalten. 1982 wurde für er für den Kulturpreis der Stadt Bayreuth vorgeschlagen; der Vorschlag wurde abgelehnt. Er wird nicht zu betrübt gewesen sein: Die Lister der Vorgänger_innen des Kulturpreises spiegelt die engagierte Geschichtsvergessenheit des Nachkriegs-Bayreuths. Viel angemessener als dieser Preis wäre die Auseinandersetzung mit dem Werk von der Grüns. Dazu ist auch heute noch Zeit. Man sollte nur nicht zu lange warten.

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kulturalista

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